Von Dr. Llanos Medrano.
Wenn Paare oder Frauen eine In-vitro-Fertilisation (IVF) beginnen, stellt sich häufig die Frage, wie gut die dabei entstandenen Embryonen sind. Im Laufe der Behandlung fallen Begriffe wie „Wir haben einen Embryo der Kategorie A“, „Ein AA-Blastozyst ist besonders hochwertig“ oder „Wir übertragen einen Embryo mit guter Qualität“. Doch was bedeuten diese Einstufungen eigentlich?
Die Embryonenbewertung hilft dabei, diejenigen Embryonen auszuwählen, die die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einnistung und Schwangerschaft mitbringen. Dabei handelt es sich jedoch um eine Einschätzung anhand der äußeren Merkmale und der Entwicklung des Embryos. Auch ein Embryo mit hervorragender Bewertung garantiert keine Schwangerschaft. Umgekehrt kann sich aus einem Embryo mittlerer Qualität ebenfalls ein gesundes Kind entwickeln. Entscheidend ist immer die individuelle medizinische Situation.
Im Folgenden erfahren Sie, wie sich Embryonen in den ersten Tagen entwickeln, nach welchen Kriterien Embryologen ihre Qualität beurteilen, was die Kategorien A, B, C und D bedeuten und wie bei einer Kinderwunschbehandlung entschieden wird, welcher Embryo übertragen werden soll.
Ein Embryo entsteht durch die Verschmelzung einer Eizelle mit einem Spermium. Im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung kann die Befruchtung durch eine konventionelle In-vitro-Fertilisation (IVF) oder durch eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) erfolgen.
Nach der Befruchtung beginnt eine Reihe von Zellteilungen, durch die sich der Embryo schrittweise weiterentwickelt. Während der ersten Tage im Labor beobachten die Embryologen seine Entwicklung genau. So können sie beurteilen, welche Embryonen besonders günstige Merkmale und damit ein höheres Einnistungspotenzial aufweisen.

In den ersten Tagen nach der Befruchtung entwickeln sich Embryonen besonders schnell.
| Entwicklungstag | Entwicklungsstadium | Wesentliche Merkmale |
| Tag 1 | Zygote | Es wird überprüft, ob die Befruchtung regulär stattgefunden hat. Typischerweise sind zwei Vorkerne – einer mütterlichen und einer väterlichen Ursprungs – sowie zwei Polkörperchen erkennbar. |
| Tag 2 | Furchungsstadium | Der Embryo besteht normalerweise aus 2 bis 4 Zellen. Beurteilt werden die Anzahl der Blastomeren, ihre Symmetrie, die Fragmentierung und eine mögliche Mehrkernigkeit. |
| Tag 3 | Furchungsstadium | Der Embryo besitzt üblicherweise 6 bis 10 Zellen. Ein Entwicklungsstand mit etwa 8 Zellen gilt als typisch. Dieser Zeitpunkt ist für die Qualitätsbewertung besonders wichtig. |
| Tag 4 | Morula | Die Zellen beginnen sich zu verdichten und lassen sich kaum noch einzeln unterscheiden. Der Embryo entwickelt sich weiter in Richtung Blastozystenstadium. |
| Tag 5 | Expandierte Blastozyste | Die innere Zellmasse, aus der sich der eigentliche Embryo entwickelt, das Trophektoderm, das zur Plazentabildung beiträgt, und die Blastozystenhöhle sind erkennbar. Häufig erfolgt der Embryotransfer an diesem Tag. |
| Tag 6 | Expandierte Blastozyste | Manche Embryonen erreichen das Blastozystenstadium erst einen Tag später. Obwohl ihre Einnistungsraten im Allgemeinen etwas niedriger sind als bei Blastozysten von Tag 5, bestehen weiterhin gute Chancen auf eine Schwangerschaft. |
Nicht alle Embryonen entwickeln sich gleich schnell. Einige erreichen das Blastozystenstadium am fünften Tag, andere erst am sechsten. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie nicht entwicklungsfähig sind. Die Entwicklungsgeschwindigkeit sollte immer zusammen mit der morphologischen Beurteilung durch das Embryologielabor betrachtet werden. 
Für die Klassifizierung werden das mikroskopische Erscheinungsbild und die Entwicklung des Embryos während der Laborkultur beurteilt. Ein weltweit einheitliches Bewertungssystem gibt es nicht. Viele Labore orientieren sich jedoch an den Empfehlungen der European Society of Human Reproduction and Embryology (ESHRE), der spanischen Vereinigung für Reproduktionsbiologie (ASEBIR) und von Alpha Scientists in Reproductive Medicine.
Dabei berücksichtigen Embryologen verschiedene Merkmale:
In vielen Kinderwunschlaboren werden Embryonen in frühen Entwicklungsstadien, insbesondere an Tag 2 und Tag 3, anhand einer vereinfachten Qualitätsskala eingestuft.
| Kategorie | Merkmale | Reproduktives Potenzial |
| A | Gleichmäßige Zellen, kaum oder keine Fragmentierung und altersgerechte Entwicklung. | Sehr hoch. Diese Embryonen weisen die günstigste morphologische Prognose auf. |
| B | Gute Qualität mit leichten Unterschieden in der Zellgröße oder geringer Fragmentierung. | Hoch. Viele erfolgreiche Schwangerschaften entstehen aus Embryonen der Kategorie B. |
| C | Mäßige Fragmentierung oder weniger gleichmäßige Entwicklung. | Mittel. Auch diese Embryonen können sich einnisten und zu einer fortbestehenden Schwangerschaft führen. |
| D | Deutliche Auffälligkeiten in der Zellstruktur oder Entwicklung. | Eingeschränkt, wobei die individuelle klinische Situation immer berücksichtigt werden muss. |
Wenn ein Embryo am fünften oder sechsten Entwicklungstag das Blastozystenstadium erreicht, wird normalerweise nicht mehr ausschließlich die Einteilung in A, B, C und D verwendet. Stattdessen kommt das Klassifizierungssystem nach Gardner und Schoolcraft zum Einsatz. Es berücksichtigt drei Merkmale.
Expansionsgrad (Zahl): Die Zahl beschreibt den Entwicklungs- und Expansionsgrad der Blastozyste.
Erster Buchstabe: Innere Zellmasse (ICM): Der erste Buchstabe beschreibt die Qualität der inneren Zellmasse, aus der sich der eigentliche Embryo und später das Kind entwickelt.
Zweiter Buchstabe: Trophektoderm (TE): Der zweite Buchstabe bewertet das Trophektoderm, aus dem sich hauptsächlich die Plazenta und weitere für die Schwangerschaft wichtige Strukturen entwickeln.
Einige typische Beispiele:
| Klassifizierung | Bedeutung |
| 4AA | Expandierte Blastozyste mit hervorragender innerer Zellmasse und hervorragendem Trophektoderm. Eine der günstigsten morphologischen Bewertungen. |
| 5AA | Blastozyste, die bereits mit dem Schlüpfen begonnen hat und in beiden Strukturen eine ausgezeichnete Qualität aufweist. |
| 4AB | Expandierte Blastozyste mit hervorragender innerer Zellmasse und gutem Trophektoderm. |
| 3BB | Blastozyste mit guter Qualität sowohl der inneren Zellmasse als auch des Trophektoderms. Sie bietet weiterhin gute Einnistungschancen. |
| 5BC | Schlüpfende Blastozyste mit guter innerer Zellmasse, aber geringer bewerteter Trophektodermqualität. Ihr Potenzial kann eingeschränkt sein, eine Schwangerschaft ist jedoch möglich. |
Eine bessere morphologische Bewertung geht häufig mit höheren Einnistungschancen einher, ist aber keine Schwangerschaftsgarantie. Auch Blastozysten mit einer Bewertung wie BC können zur Geburt eines Kindes führen. Die morphologische Qualität ist nur eines von mehreren Kriterien, die das medizinische Team bei der Auswahl berücksichtigt.
Im Labor wird versucht, den Embryo mit den besten Einnistungschancen auszuwählen. Die Entscheidung hängt jedoch nicht allein von seiner morphologischen Bewertung ab. Weitere wichtige Faktoren sind:
Nein. Die Embryonenqualität ist ein wichtiger Erfolgsfaktor, aber nicht der einzige. Selbst ein Embryo mit hervorragender morphologischer Bewertung kann sich möglicherweise nicht einnisten. Gründe dafür können beispielsweise Chromosomenveränderungen sein, die unter dem Mikroskop nicht erkennbar sind, Auffälligkeiten der Gebärmutterschleimhaut (Endometrium) oder andere biologische Faktoren, die sich durch eine rein morphologische Beurteilung nicht erfassen lassen. Umgekehrt haben auch Embryonen mittlerer Qualität bereits zu Tausenden erfolgreichen Geburten geführt.
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