Von Dr. Llanos Medrano.
Wenn die Eierstöcke einer Frau vor dem 40. Lebensjahr nicht mehr richtig funktionieren, spricht man von einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz (POI). Zu den wichtigsten genetischen Ursachen zählt die Mutation des FMR1-Gens.
Dieses Gen produziert ein Protein namens FMRP (Fragile X Mental Retardation Protein), dessen Fehlen oder Mangel mit dem Fragile-X-Syndrom in Verbindung steht. Dieses Syndrom ist auch eine der häufigsten erblichen Ursachen für intellektuelle Beeinträchtigungen bei Männern (da sich das Gen auf dem X-Chromosom befindet). Seine Auswirkungen auf die weibliche Fruchtbarkeit sind in der Allgemeinbevölkerung noch wenig bekannt. Schätzungen zufolge entwickeln 20% der Frauen mit einer FMR1-Prämutation eine POI, verglichen mit nur 1% in der Allgemeinbevölkerung.

Bei gesunden Menschen weist das FMR1-Gen weniger als 55 Wiederholungen des CGG-Tripletts auf. Hat jemand zwischen 55 und 200 Wiederholungen dieses Tripletts, spricht man von einer Prämutation. Diese verursacht in der Regel nicht direkt das Fragile-X-Syndrom, kann aber das Risiko erhöhen, Kinder mit der Vollmutation zu bekommen.
Darüber hinaus haben Frauen mit einer FMR1-Prämutation ein deutlich erhöhtes Risiko, eine vorzeitige Ovarialinsuffizienz zu entwickeln, was zu einer erheblichen Verringerung der ovariellen Reserve und in vielen Fällen zu einer vorzeitigen Menopause – oft Jahre früher als erwartet – führt.
Der Mechanismus, der dieses Ovarialversagen auslöst, ist nicht auf einen Mangel an FMRP-Protein zurückzuführen – wie beim klassischen Fragile-X-Syndrom –, sondern auf eine Toxizität durch das überschüssige RNA des prämutierten Gens. Dies beeinträchtigt direkt die Entwicklung der Ovarialfollikel, erschwert den Eisprung und verringert die Chancen auf eine natürliche Schwangerschaft.

Im Rahmen der assistierten Reproduktion können Frauen mit einer FMR1-Prämutation Schwierigkeiten bei der Reaktion auf die hormonelle Stimulation haben, sodass die Ärzte die Dosierung besonders sorgfältig anpassen müssen, um ein gutes Ergebnis zu erzielen.
Deshalb ist es entscheidend, festzustellen, ob das Ovarialversagen genetische Ursachen hat, um eine individuelle Behandlung zu planen. Tatsächlich wird bei jungen Patientinnen mit unerklärter Ovarialinsuffizienz eine genetische Analyse des FMR1-Gens empfohlen.
Für junge Frauen mit einer Prämutation ist die Fertilitätserhaltung durch das Einfrieren von Eizellen eine sehr empfehlenswerte Option. Oft bleibt die Ovarialfunktion eine Zeit lang erhalten, aber der Rückgang kann schneller als gewöhnlich erfolgen. Über eigene vitrifizierte Eizellen zu verfügen, kann einen großen Unterschied machen, wenn der Kinderwunsch realisiert werden soll.
Entscheidet man sich für eine In-vitro-Fertilisation, ist zudem eine präimplantationsgenetische Diagnostik möglich, um Embryonen mit dem höchsten Fortpflanzungspotenzial auszuwählen und die Weitergabe der Mutation zu vermeiden.
Auch wenn diese genetische Veränderung oft spät erkannt oder übersehen wird, können dank der Fortschritte in der Reproduktionsgenetik immer mehr Frauen ihren Kinderwunsch erfüllen. Bei IVF-Life arbeiten wir täglich mit modernster Technologie, um unseren Patientinnen die besten Erfolgschancen bei ihren Behandlungen zu bieten.