Als „genetische Trauer“ bezeichnet man den emotionalen Prozess, den Menschen durchlaufen, die ihre eigenen biologischen Gene nicht an ihre Kinder weitergeben können, weil sie auf assistierte Reproduktion mit Hilfe von Eizellen- oder Samenspenden angewiesen sind.
In solchen Fällen können sowohl werdende Mütter als auch Väter Gefühle wie Traurigkeit, Frustration, Verlust und in manchen Fällen auch eine Identitätskrise erleben.
Genetische Trauer bedeutet, zu akzeptieren, dass das eigene Kind nicht das eigene genetische Erbe teilen wird. Die Überwindung dieses Trauerprozesses erfordert, den Begriff von Elternschaft neu zu definieren und den Fokus stärker auf emotionale Bindung und Erziehung statt auf die Genetik zu legen.
In diesem Zusammenhang spielt auch das Konzept der Epigenetik eine Rolle. Sie bietet Betroffenen eine neue Perspektive, denn sie erklärt, dass die Umwelt, die die Eltern bieten, aktiv die biologische Entwicklung des Babys beeinflussen kann. So entsteht indirekt doch eine biologische Verbindung, die Eltern ohne eigene Eizellen oder Spermien trösten kann.

Für viele Menschen ist Elternschaft mit der Weitergabe der eigenen Gene verbunden. Die Erkenntnis, dass dies nicht möglich ist, kann das Gefühl auslösen, die Weitergabe von familiären, kulturellen oder physischen Merkmalen reiße ab. Häufig gibt es die Angst, die eigene Familienlinie nicht „fortführen“ zu können, was auf dem falschen Glauben basiert, damit auch Identität oder Kultur zu verlieren.
Hinzu kommen manchmal Gefühle von Schuld, Traurigkeit oder Angst sowie eine Art Entfremdung von sich selbst. Für manche Eltern bedeutet der Einsatz von Spendergameten, dass ihre biologische Rolle „unterbrochen“ oder an eine andere Person abgegeben wurde.
Tatsächlich stellen viele Eltern nach der Geburt ihres Kindes fest, dass ihre Bindung nicht von der Biologie, sondern von der emotionalen und liebevollen Beziehung bestimmt wird, die sich im Laufe der Zeit entwickelt. Dieser Perspektivwechsel hilft oft dabei, die genetische Trauer zu überwinden und das Kind als das eigene anzunehmen.
Es ist wichtig zu wissen, dass alle diese Gefühle völlig normal und oft auch unkontrollierbar sind. Sie zu ignorieren oder zu unterdrücken, verlängert meist nur den Schmerz. Daher sollte man sich erlauben, diese Gefühle zuzulassen, ohne sich selbst zu verurteilen.
Zeit spielt eine entscheidende Rolle, und jeder Mensch verarbeitet Trauer in seinem eigenen Tempo. Professionelle Unterstützung kann helfen, negative Gedanken zu ordnen und mit der Angst oder Schuld umzugehen, die mit genetischer Trauer verbunden sein kann. Es gibt außerdem spezielle Therapieangebote und Selbsthilfegruppen, die helfen können, Trost und Erleichterung zu finden.
In den meisten Fällen tritt diese genetische Trauer nur in der Phase des Kinderwunsches auf und nimmt ab oder verschwindet ganz nach dem Eintritt der Schwangerschaft. Für andere Eltern verschwindet sie erst mit der Geburt des Kindes. Die emotionale Bindung entsteht oft sehr schnell während der ersten Zeit mit dem Neugeborenen.
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Die Epigenetik spielt eine entscheidende Rolle, um zu erklären, warum Kinder aus Gametenspenden ihrem sozialen Elternteil dennoch in bestimmten Eigenschaften ähneln können, obwohl kein direktes genetisches Band besteht. Die Epigenetik erforscht, wie Umweltfaktoren und Erlebnisse die Genaktivität beeinflussen, ohne die genetische Sequenz selbst zu verändern. Bei durch Spende gezeugten Kindern prägen die Gene des Spenders zwar Merkmale wie Augenfarbe, Haarfarbe und Körpergröße.
Wichtig ist aber auch, dass die Auswahl der Spender in unseren Kliniken immer so erfolgt, dass die äußere Ähnlichkeit mit den künftigen Eltern so groß wie möglich ist. Darüber hinaus legt die Epigenetik nahe, dass das Umfeld und die Erfahrungen eines Kindes — besonders während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren — beeinflussen, wie seine Gene aktiviert werden. Das kann Auswirkungen auf das äußere Erscheinungsbild oder andere Entwicklungsaspekte haben.
Man sollte verstehen, dass äußerliche Merkmale oder vererbte Eigenschaften nicht nur von den direkt vererbten Genen der Eltern abhängen, sondern auch epigenetische Faktoren eine Rolle spielen. In diesem Zusammenhang spricht man von epigenetischer Vererbung. Während der Schwangerschaft kann die austragende Mutter durch biologische Prozesse „markieren“, welche Gene beim Embryo besonders aktiv oder inaktiv sind und somit deren Ausdruck individuell beeinflussen.
Ständige Interaktion mit den Eltern kann auch die neurologische Entwicklung und Verhaltensmuster beeinflussen, sodass das Kind zum Beispiel Gestik, Mimik oder die Art zu sprechen von den Eltern übernimmt. Zusammengefasst ist die Epigenetik eine „zusätzliche Informationsebene“, die über das vom Spender geerbte Erbgut hinausgeht. Daher können durch Gametenspende gezeugte Kinder ihren sozialen Eltern ähnlich sehen — wobei der Einfluss von Schwangerschaftsumfeld und frühen Eltern-Kind-Interaktionen im Vordergrund steht.
Dr. Paloma Baviera, Fachärztin für gynäkologische Reproduktionsmedizin bei IVF-Life Alicante.