Zerreißprobe künstliche Befruchtung: So überstehen Paare ihre Kinderwunschbehandlung

Eine Kinderwunschbehandlung sollte wohlüberlegt sein, schließlich steht am Ende einer erfolgreichen Therapie im besten Falle ein neuer Mensch. Ein eigenes Baby bedeutet für viele Menschen die schönste Herausforderung der Welt; die Umstellungen im Leben, die es erfordert, sind viele bereit aufzunehmen.

Auf die Zeit vor und während einer Kinderwunschbehandlung sollten die Eltern in spe gut vorbereitet sein, denn dieser Lebensabschnitt ist bei vielen Paaren mit Druck, Stress und einer emotionalen Achterbahnfahrt verbunden.

Mehr als 80 Prozent der Paare stufen die psychische Belastung während einer Kinderwunschbehandlung als sehr hoch ein. Für viele wird dies zu einer echten Zerreißprobe, bei der der Zusammenhalt in der Beziehung auf eine harte Probe gestellt wird.

Eine gute Planung beugt viele Konflikte vor

Grundlegende Basis für eine glückliche Beziehung während einer Behandlung ist, dass hundertprozentige Klarheit darüber besteht, dass der Kinderwunsch von beiden Partnern gleichermaßen getragen wird. Sowohl der Mann, als auch die Frau müssen von der Idee überzeugt sein, wirklich eine Familie gründen zu wollen.

Für das ein- oder beidseitig unfruchtbare Paar ist die Zeit vor der Behandlung oft bereits mit emotionalem Stress verbunden. Wenn es mit der Schwangerschaft einfach nicht funktionieren will, obwohl die Verhütung längst ausgesetzt wurde, wenn im Bekanntenkreis plötzlich alle schwanger zu werden scheinen und sich im Leben alles um das Thema Kinderwunsch dreht, ist dies für die Betroffenen oft nicht leicht zu ertragen.

Wurde bei nur einem Partner eine Unfruchtbarkeit festgestellt, ist dies für diesen oft besonders schwer zu ertragen. Daher sollte er nicht als der Schuldige betrachtet werden, sondern das Projekt Kinderwunsch muss von beiden Lebensgefährten mit gleichem Einsatz und derselben Verantwortlichkeit angegangen werden. Nur wenn beide Partner an einem Strang ziehen und Hand in Hand zusammenarbeiten, sollten sie in das Abenteuer Fruchtbarkeitsbehandlung aufbrechen.

Die Behandlung: Eine emotionale Achterbahnfahrt

Während der Therapie wird die Frau oft durch Nebenwirkungen der Hormonbehandlung, Stress und Druck belastet. Das gesamte Leben muss mit der Behandlung abgestimmt, Untersuchungstermine beim Arzt regelmäßig wahrgenommen werden. Manchmal sind die Arztbesuche schwer mit dem Beruf vereinbar – besonders wenn die begonnene Therapie vor den Arbeitskollegen geheim bleiben soll, ist die künstliche Befruchtung bald der Taktgeber im Leben. Darunter leidet nicht nur die Lebensfreude, sondern oft auch die Beziehung.

Bei vielen Paaren hat dies Auswirkungen auf die Sexualität, manche Frauen berichten von Lustlosigkeit, bei Männern kann es zu Erektionsproblemen oder vorzeitigen Samenergüssen kommen – alles durch den psychischen Druck und den Stress während der Behandlung.

Eine Runde in der Achterbahn der Kinderwunschbehandlung dauert rund vier Wochen – so lange braucht es, bis klar ist, ob die künstliche Befruchtung funktioniert hat, ob sich die Eizelle eingenistet hat oder nicht. Während das Paar auf die Ergebnisse wartet, befinden sich die Betroffenen in einem Wechselbad der Gefühle: Angst, dass etwas schief gehen könnte folgt auf die Hoffnung auf eine erfolgreiche Befruchtung; Neid auf andere Mütter und Verzweiflung wechseln sich ab mit dem Optimismus, dass alles gelingen wird. Emotionale Ausbrüche oder Aussagen, die im Affekt getroffen wurden und oft „nicht so gemeint“ waren, sind dabei verständlich.

Frauen fällt die Phase der Ungewissheit manchmal schwerer als Männern, woraus nicht selten ein Gefühl des Nicht-verstanden-werdens entsteht. Doch auch wenn Männer ihre Gefühle nicht so deutlich zeigen, geht es beiden Partnern ähnlich. Daher können sich schnell große Konflikte und Streitereien entwickeln. Jeder Mensch geht anders mit dem Thema um, daher sollten in einer Beziehung beide Partner Verständnis füreinander zeigen, Rücksicht aufeinander nehmen und ihre Sorgen und Ängste offen aus- und ansprechen.

Kommunikation ist das A und O

Zu einer besonders belastenden Situation kann es kommen, wenn das Durchhaltevermögen der Partner unterschiedlich ausgeprägt ist. Konflikte sind dabei quasi vorprogrammiert. Ist eine Befruchtung nicht erfolgreich, fühlen sich viele Frauen, als hätten sie versagt, obwohl der Erfolg der Behandlung natürlich nicht in ihrer persönlichen Verantwortung liegt. Männer fühlen sich dagegen hilflos, weil sie scheinbar nur untätig zuschauen können.

Doch auch sie können mit Einfühlungsvermögen eine wichtige Hilfestellung leisten. Wenn bereits vor Beginn der Kinderwunschbehandlung der Fall durchgesprochen wurde, dass mehrere Versuche erfolglos bleiben, sind beide Lebensgefährten besser vorbereitet. Gemeinsame Kommunikation ist in der Therapiephase das A und O. Dies erleichtert nicht nur den Umgang mit einer fehlgeschlagenen Befruchtung, sondern gibt auch emotionale Nähe und Stabilität, die man beim Auf und Ab der Kinderwunschachterbahn gut gebrauchen kann. Weitere Hilfestellungen können psychologische Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen geben, in denen man sich mit anderen Betroffenen austauschen kann.

Volle Konzentration, Zusammenhalt und ein Plan B

Eine künstliche Befruchtung und die dazugehörige Therapie benötigen die volle Konzentration der Beteiligten. Daher sollten andere energiezehrende Projekte wie ein Umzug oder ein Jobwechsel erstmal ruhen und auf die Zeit danach verschoben werden. Trotzdem sollte darauf geachtet werden, dass sich beide Partner auch gemeinsame Aktivitäten suchen, die sich bewusst nicht um das Thema „Kind“ drehen. Ein Kinobesuch, Konzerte und Zeit mit Freunden können für Abwechslung sorgen sowie eine soziale Isolation verhindern.

Dies ist auch insbesondere dann von Bedeutung, wenn die künstliche Befruchtung nicht anschlägt und sich keine Schwangerschaft einstellt. Auch diesen Fall sollte das Paar vor der Behandlung bereits durchgesprochen und einen Plan B zurechtgelegt haben.

Die partnerschaftliche Basis, die vor der Kinderwunschbehandlung bestand, sollte dann wiederhergestellt werden. Dazu sollten sich die Partner gegenseitig klarmachen, was sie an dem jeweils anderen schätzen und lieben. Beide sollten sich auf die gleichen Werte besinnen. Manchmal benötigt dieser Prozess Zeit – diese sollte sich das Paar unbedingt nehmen und das Leben dabei nicht aus den Augen verlieren. Mit Ruhe und Zuversicht lässt sich diese schwere Phase am besten überstehen.

Erst dann heißt es, wieder nach vorne zu blicken und neue Ziele im Leben in Angriff zu nehmen. Und vielleicht ist auch die nächste Therapie bereits erfolgreich. Wenn die Beziehung zu diesem Zeitpunkt eine gesunde ist, ist das Paar bereit, gemeinsam die Elternrolle aufzunehmen und in das Leben als kleine Familie zu starten.