Tabuthema Kinderwunsch: Warum schweigen Frauen in Familie, Job und Freundeskreis?

„Der Raum namens‚ Kinderlosigkeit’ hat viel mehr Türen, als nur die beiden mit der Aufschrift ‚wollte nicht’ und ‚konnte keine bekommen’.“ Die Organisation “Gateway Women” stellt fest: Hinter jeder kinderlosen Frau steckt eine persönliche Geschichte. Was aber viele kinderlose Frauen vereint, ist das Leben in einer Gesellschaft, in der Kinderlosigkeit noch immer als Tabu gilt.

Ein unerfüllter Kinderwunsch ist dabei jedoch kein seltenes Phänomen: Nur ein kleiner Teil der kinderlosen Paare entscheiden sich bewusst gegen Nachwuchs, bei dem größten Teil sind entweder der fehlende Partner oder Unfruchtbarkeit das Problem. Wissenschaftlichen Studien zufolge sind in Deutschland bis zu 1,4 Millionen Frauen und Männer zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos – also fast jedes zehnte Paar.

Ungewollte Kinderlosigkeit – gesellschaftlich tabuisiert

In unserer Gesellschaft wird die Rolle der Frau oft mit der einer Mutter gleichgesetzt. Bis heute nehmen die Menschen die Mutterrolle als einen moralischen Imperativ wahr – zu diesem Schluss kommt die amerikanische Psychologin Leslie Nashburn-Nardo. In einer Studie fand sie heraus, dass Menschen kinderlose Paare als weniger glücklich und zufrieden bewerten und diese somit stigmatisiert seien.

Eine Frau ohne Kinder würde somit als eine Art „Mangelwesen“ gelten. Der psychologische Druck, der auf kinderlosen Frauen lastet, ist daher groß. Beim unerfüllten Kinderwunsch werden gleich zwei Tabuthemen berührt: Nicht nur die Kinderlosigkeit, sondern auch der Aspekt des „Eigentlich-Wollens“ ist ein Thema, das in unserer Gesellschaft nicht offen thematisiert und von Betroffenen häufig ausgeschwiegen wird.

Eine intime Problematik

Ein Grund für das Ausschweigen ist die Tatsache, dass ungewollte Kinderlosigkeit ein sehr persönliches Thema ist – schließlich betreffen die möglichen Gründe für eine Kinderlosigkeit zum Beispiel Unfruchtbarkeit von Frau oder Mann oder psychologische Probleme die intimsten Lebensbereiche der Betroffenen.

Auch mögliche Handlungsoptionen wie künstliche Befruchtung oder Adoption bedürfen einer tiefgehenden Überlegung, Vorbereitung und Reflektion – sind sie doch Schritte, die oft viel Kraft, Mut und Ausdauer erfordern. Zudem kann die Angst vor Zurückweisung durch die Mitmenschen und die Sorge, bei künstlicher Befruchtung oder Adoption keine Unterstützung zu bekommen, dazu führen, dass die Situation verschwiegen wird.

Taktlosigkeit und mangelndes Verständnis im Bekanntenkreis

Doch auch wenn man die Situation der ungewollten Kinderlosigkeit im Bekanntenkreis bereits zur Sprache gebracht hat, können mangelndes Verständnis oder (unbewusste) Taktlosigkeit der Mitmenschen die Situation noch erschweren – denn wenn jemand dieses Gefühl noch nie erlebt hat, wird er es wahrscheinlich nie vollständig verstehen. Vor allem am Arbeitsplatz, unter Freunden oder auf Familienfeiern können die Kommentare der anderen Menschen sehr verletzend sein. Auch gut gemeinte Ratschläge können das Unbehagen und den Druck noch vergrößern. Kommentare wie „Freu Dich doch über Deine Freiheit“ spenden wenig Trost und tragen selten dazu bei, dass sich die Betroffenen wirklich besser fühlen. Ratschläge wie „Man solle den unerfüllten Kinderwunsch nicht so ernst nehmen und sich auf die anderen schönen Dinge des Lebens konzentrieren“ können die wenigsten Frauen annehmen. Oft üben noch die eigenen Eltern unterschwellig Druck aus, da sie sich unbedingt Enkelkinder wünschen. Mit ihren Gefühlen von Unsicherheit, Frust und Trauer fühlen sich ungewollt kinderlose Frauen oft allein gelassen.

Selbstzweifel und Neid als tägliche Begleiter

Doch nicht nur die Reaktionen der Mitmenschen – auch Selbstzweifel, also das Gefühl, versagt zu haben, tragen dazu bei, dass sich Frauen über ihre Situation lieber ausschweigen. Dazu kommt bei manchen Frauen der Neid auf andere Mütter oder die schwangeren Arbeitskolleginnen, die vor Glück strahlen, hinzu. Im Alltag gibt es kaum eine Möglichkeit, sich der Konfrontation mit dem Thema Kinder und Elternschaft zu entziehen. Ein bewusstes „Aus-dem-Weg-gehen“ würde zu einer verstärkten sozialen Isolation führen und die Gefühle Trauer und Wut noch verstärken.

Bei vielen Frauen kommt irgendwann der Punkt der Resignation, an dem sie ihren Kinderwunsch zu Grabe tragen. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass es leichter sei, die Situation zu akzeptieren, um dem ständigen Druck zu entkommen.

Schweigen ist üblich, Reden ist Gold – eine Lösung?

Schweigen oder die Flucht in Ausreden sind jedoch keine langfristigen Lösungen. Denn Erzählen kann nicht nur be-, sondern auch besonders entlastend wirken. Um der Spirale der Einsamkeit zu entkommen, kann es vielmehr helfen, wenn betroffene Frauen die Hilfe durch eine neutrale Person in Anspruch nehmen. Die Konsultation des Frauenarztes ist manchmal die bessere Wahl als der Bekannten-, Freundes- und Familienkreis, da es den Menschen im unmittelbaren Umkreis oft schwerfällt, sich in die Betroffene hineinzuversetzen.

Der Gang zum Arzt kann den Frauen oft neue Möglichkeiten aufzeigen, die sie vorher noch nicht kannten. Er kann sie zu einer Kinderwunschklinik überweisen, wo es zahlreiche Behandlungsmethoden gibt. Eine weitere Unterstützung kann der Gang zum Psychologen sein – zu Unrecht wird er von vielen Betroffenen jedoch oft als letzten Ausweg angesehen. Als kinderlose Frau sollte man daher ehrlich mit sich sein und reflektieren, inwiefern folgende Fragen zutreffen:

Wird der Kinderwunsch zu einer unerträglichen Last?

Wird die Kinderlosigkeit zu einem ständigen Konfliktthema in der Beziehung?

Fällt es der Betroffenen zunehmend schwer, einen anderen Sinn im Leben zu finden als ein Kind?

Treffen mehrere dieser Punkte zu, kann der Besuch bei einem Psychologen ratsam sein, damit die Traurigkeit über die Kinderlosigkeit sich nicht zu einer Depression steigert.

Gibt es einen Partner an der Seite der Frau, sollte dieser jedoch der allererste Gesprächspartner sein, denn auch für Männer kann ein unerfüllter Kinderwunsch eine große Last sein. Für Paare bedeutet diese Situation oft eine wichtige Bewährungsprobe, aus der die Beziehung am Ende jedoch auch gestärkt hervorgehen kann: Zusammenschweißen kann nicht nur die gemeinsame Trauer, sondern auch die Hoffnung, dass sich auch für diese Situation irgendwann eine Lösung finden wird.